Benjamin Britten: War Requiem

Werkeinführung zu unserem Konzert am 30.03.2007

Benjamin Britten

War Requiem

Ein unheilvolles Intervall, Totenglocken aus der Ferne und ein Chor, dessen flehentlicher Sprechgesang die Bitte um die ewige Ruhe ist: „Requiem aeternam dona eis domine!“ So beginnt eine der bedeutensten Kompositionen des 20. Jahrhunderts, Benjamin Brittens (1913-1976) „War Requiem“.

„My subject is war, and the pity of war, the poetry is the pity… all a poet can do today is warn.“ ::1:: Die Worte des englischen Dichters Wilfred Owen (1893-1918) setzte Britten seiner Partitur voran. Als Soldat an der englischen Front in Frankreich hatte Owen 1917 und 1918 das Leid des Krieges selbst aus nächster Nähe erfahren. Während sich die offizielle Berichterstattung über die tatsächlichen Gräuel auf dem Schlachfeld ausschwieg und Dichter-Kollegen Hymnen voll patriotistischer Gefühle verfaßten, wollte Owen die Brutalität, die Unmenschlichkeit und die unbegreifliche Sinnlosigkeit des Krieges enttarnen.

Bei Benjamin Britten traf Owens Warnung auf offene Ohren. 1939 flüchtete er vor dem zweiten Weltkrieg und verließ als erklärter Pazifist Europa. Doch schon 1942 kehrte er nach England zurück. Dem Werk Owens war er zeitlebens verbunden. In einer Radiosendung der BBC gab er „The strange meeting“, in dem ein englischer Soldat auf einen von ihm ermordeten deutschen Soldaten trifft, als eines seiner Lieblingsgedichte an und mit „The kind ghosts“ probierte er sich 1958 erstmals an einer musikalischen Umsetzung eines Owen-Gedichtes.

Nicht weniger als neun Antikriegsgedichte des englischen Dichters sind ins „War-Requiem“ eingeflossen. Zusammen mit den lateinischen Texten der Missa pro defunctis verbinden sie sich zu einem öffentlichen Bekenntnis gegen das Versagen der Menschlichkeit im Krieg. Die Feierlichkeiten zur Wiedereröffnung der im zweiten Weltkrieg zerstörten Coventry-Cathedral im Mai 1962 standen im Licht der Öffentlichkeit. Britten, der neben anderen Komponisten gebeten wurde, die Feier musikalisch auszugestalten, bot sich die Gelegenheit, seine pazifistische Botschaft mit einer groß angelegten Komposition einem breiten Publikum zu vermitteln. Mit der Wunschbesetzung aus dem englischen Tenor Peter Pears, dem deutschen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau und der russischen Sopranistin Galina Vishnevskaya plante er eigentlich einen symbolischen Akt zur Versöhnung der im Krieg verfeindeten Völker. Doch der Russin wurde die Ausreise verweigert und so mußte die Engländerin Heather Harper an ihrer Stelle einspringen. Dennoch verfehlte die Friedensbotschaft ihr Ziel nicht. Das „War Requiem“ riß die Zuhörer bei seiner Uraufführung zu Begeisterungsstürmen hin.

Mit seinen drei oratorisch angelegten Ebenen aus Solisten, Chor, Knabenchor, Kammerorchester, Sinfonie-Orchester und Orgel könnte man meinen, Brittens Reuqiem sei ein Werk von geradezu monumentaler Anlage. Trotzdem bleibt es überraschend intim und zurückhaltend. Es ist geprägt von einem Ausdurck stiller Empfindsamkeit, verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit und die öffentliche mit der privaten Trauer. Diese private Trauer vermitteln die beiden Gesangssolisten, die einen englischen und einen deutschen Soldaten darstellen. Begleitet von einem zwölfköpfigen Kammerorchester singen sie die englischen Gedichttexte. Eine Ebene dahinter steht die öffentliche Trauergemeinde aus der Solistin, dem gemischtem Chor und dem großen Sinfonie-Orchester. Sie halten die eigentliche Totenmesse mit ihren lateinischen Texten. Auf einer dritten Ebene erklingen die Stimmen des Knabenchores und der Orgel distanziert und fast unmenschlich. So schwebt das Opfer der Jugend, die sich unwissentlich in den Krieg stürzte, hinter dem Geschehen. Dieser für Britten wichtige Aspekt der wissentlich geopferten der Jugend wird im Offertorium thematisiert, wenn es in Owens Parabel über die Geschichte von Abraham und Isaac heißt: „But the old man would not so, but slew his son, and half the seed of Europe, one by one.“ ::2::

Die Unbegreiflichkeit über diese Verschwendung von Körper und Geist ist mehr als eine Trauer um die gefallenen Landsleute. Sie sieht mehr im Feind, als ein gesichtsloses Monster und erkennt mit „The strange meeting“, das am Ende ins Libera me eingebunden ist, auch in ihm ein Opfer des Krieges. So bekommt auch der liturgische Text eine neue Eindringlichkeit: „Gib uns Frieden! Laß sie in Frieden ruhen! Amen!“

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Aus dem Englischen:
::1::Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges, die Poesie ist im Leid… Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen.

::2::Doch der alte Mann tat es nicht, sondern tötete seinen Sohn und die halbe Saat Europas, einen nach dem anderen.

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